Willkommen unterm Regenbogen

 

f. U den 29.9.1942

Meine liebe Mutti!
Heut erhielt ich endlich wieder einmal einen lieben Brief von Dir, das mich von Herzen erfreut hat und ich dir von Herzen danke.
Auch herzlichen Dank für die Päckchen, die du mir bis jetzt zugeschickt hast, obwohl ich noch keines erhalten habe.
Aber wir haben jetzt lange Zeit die Post meiden? müssen. (manches ist fast oder nicht mehr lesbar).
Heute gab es das erste wieder nach langer Zeit und da war bloß der Brief von dir dabei.

Na und was du von uns mitschreibst, über das, was wir leiden müssen, ja das stimmt, aber wir sind es nun schon so gewöhnt. Aber einmal wird’s schon wieder besser werden. Nun mache Dir ja keine Sorgen um mich. So lange wir unser Leben noch haben, können wir zufrieden sein und wollen’s gerne. Sagst du das nicht auch? Das ist doch die Hauptsache.

Wenn’s gut geht, kann ich vielleicht nächstes Jahr einmal auf Urlaub kommen! So schnell gibt’s keinen. Bei uns sind die meisten 2 Jahre nicht auf Urlaub gewesen. Also habe ich noch eine lange Zeit vor mir.

Für heut will ich schließen liebe Mutti und wünsche dir alles Gute und herzliche Grüße von deinem….

 

 

f. U. den 1.10.1942

Meine liebe Mutti!

Heut will ich dir gleich noch ein paar Zeilen schreiben.
……….
Wie geht es Euch sonst liebe Mutti?
Wir liegen jetzt wieder einmal in der Steppe, im nördlichen Teil von Stalingrad. ‚S ist halt elende kalt, der Steppen Herbstwind macht sich bemerkbar. Es wird mit Machten wieder einmal Winter. Wir liegen bei der Kälte noch draußen im Freien. Hoffentlich können wir bald wieder nach Stalingrad. Dort ist’s noch etwas besser. Hab mich schon stark erkältet. Habe Husten und Schnupfen.
……
Nun seid alle Herzlich gegrüßt und es wünscht Euch alles Gute
Euer….

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Kommentare zu: "Briefe eines Soldaten… -4-" (12)

  1. Man weiß so wenig von der Familie. Bei uns wurde das Thema immer totgeschwiegen. Nur wenn mein Opa mal wieder Schmerzen hatte, dann sagte er, das käme aus dem Krieg. Als Kind konnte ich damit gar nichts anfangen. Erst später, als ich Arzthelferin bei einem Chirurgen wurde und wir Kriegsverletzungen zu sehen bekamen, Beine voller Granatsplitter, die schon Jahrzehnte vor sich hinschlummerten. Oder der ältere Herr, der sein Bein quasi vor dem Haus verloren hat, in dem wir jetzt wohnen. Oder mein Nachbar, dem bei der Flucht aus Russland die Füße und die Nasenspitze abgefroren waren. Er sah halt gruselig aus. So humpelnd mit merkwürdigen Schuhen und dazu die lilarotverfärbte deformierte Nase. Wir hatten immer Angst vor ihm.

    Heute haben wir wieder Kriegsverletzungen in der Praxis. Junge Menschen. Kinder. Frauen. Ältere Menschen. Die Bundesregierung hat ein Abkommen mit einigen Kriegsgebieten. Die Kriegsverletzten kommen nach Deutschland und werden dort behandelt.

    Meist sind es Moslems.

    Und ich befürchte, es sind nur die höher gestellten Personen des Landes, sie können fast alle perfekt englisch, sind sehr gut gekleidet und haben meist ihre ganze Familie dabei. Die arme Bevölkerung bleibt in ihren Krisengebieten…

    Das tut ihren Verletzungen keinen Abbruch.

    Wenn man die Anamnesen liest, dann kann man das Grauen nur erahnen. Wenn man die Patienten sieht, dann kann man das Grauen auch begreifen. Durchschüsse. Zerschossene Knochen. Fehlende Arme und Beine. Narben. … … …

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    • Das war in unserer Familie zum Glück ganz anders. Natürlich kann man kleine Kinder nicht mit so grausamen Geschichten zutexten. Kindgerecht erklären kann man es aber schon. Kinder verstehen auch, dass Waffen töten können. Später hat sich keiner mehr ein Blatt vor den Mund genommen, auch nicht über die Dinge, die sie falsch gemacht haben. Sie waren damals jung und haben nicht nachgedacht. Und als sie gemerkt haben, worauf es hinaus lief, war es zu spät. Genauso wenig, wie viele Jugendliche jetzt. Deswegen müsste man es ihnen unbedingt erklären, damit sie begreifen, was das für Folgen haben kann. Und hätte man euch erklärt, wie die Verletzungen des Mannes zustande gekommen sind, hättet ihr verstanden warum, wie schlimm es ihm ergangen ist und auch keine Angst mehr gehabt.
      Meine Eltern wollten sicher verhindern, dass wir nochmals den gleichen Fehler machen, wie sie. Liegt vielleicht auch daran, dass ich ein „Nachzügler“ bin und Eltern, Verwandte etc. das direkt miterlebt haben. Egal ob Front, Bombenangriffe oder wie sie Leute abgeholt haben, weil sie Kommunisten, Juden oder schwul waren. Wie sie kurz vor Ende des Krieges, die Juden aus den Lagern getrieben und bei den Märschen noch viele umgekommen sind. Dann gab es noch die alte Nachbarin, vertrieben, vergewaltigt und in Theresienstadt (Konzentrationslager) den alten Mann, der uns damals durchs Lager geführt hat, ständig gefragt hat, ob wir ihn auch verstehen und sehr oft Tränen in den Augen hatte, weil er selbst dort war. Da waren wir selbst als 14 jährige, die gern bei solchen Ausflügen etwas Bohai 😉 machen, ganz still.
      Manche können aber über ihre Erlebnisse auch nicht reden, weil es für sie einfach zu schrecklich war.
      Das ist dann auch zu akzeptieren!

      Das kann gut sein, dass hier in Deutschland nur die Verletzten landen, die besser gestellt sind. Die anderen schaffen es vielleicht nicht mal dorthin, wo sie eine Chance hätten.

      Und da du schon den zweiten Erfahrungsbericht abgegeben hast, möchte ich dich gleich fragen, ich habe vor, die Kommentare auf einer extra Seite zusammenstellen. Sie sollten nicht ungehört verhallen. Darf ich deine auch verwenden und wenn ja, mit oder ohne Link.
      Hab lieben Dank, liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Ute

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      • Hallo Ute,

        das kannst Du gerne machen. Mit oder ohne Link.

        Ich habe irgendwo auch noch einen Blogeintrag über meinen Opa, wie ihm die Flucht aus Russland gelang. Das hat mich sehr beeindruckt.

        Wenn ich den Eintrag gefunden habe, kann ich Dir den Link zukommen lassen, wenn Du magst…

        Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen vieles verdrängt haben. Einem Fremde mehr erzählen, als die Familie, weil es schwieriger ist, einem Menschen, der einem etwas bedeutet, etwas über das schreckliche welches man erlebt hat, zu erzählen.

        In unserer Straße gab es auch Juden. Die wurden abgeholt. Meine Oma sagte, sie habe davon nichts mitbekommen. Im Geschichtsunterricht erfuhr ich dann, dass genau gegenüber von meinem Elternhaus eine jüdische Familie einen Laden gehabt habe. Und das die Nazis die Scheiben einschlugen und alle auf die Straße gezerrt und zum Bahnhof getrieben hätten. Direkt darauf angesprochen, meinte meine Oma, sie habe nichts gesehen. Sie war dann gerade zu verstockt. Die wären halt weggezogen oder so…

        Bilder von den Dokumentationen treiben mir Tränen in die Augen und jeder aus der damaligen Zeit trägt daran ein Quäntchen Schuld, weil sie nicht hingesehen haben. Weil sie nichts getan haben. Weil sie Angst vor Sanktionen hatten und um ihre eigenen Familien. Wer half, wurde ja auch bestraft und kam ins Konzentrationslager…

        Ein bisschen kann ich sie schon verstehen… …wenn sie verdrängen, was sie alles zugelassen haben… …oder getan haben…

        Ich bewundere die, die den Mut hatten zu helfen, ohne an sich selber zu denken!

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      • Ich bin sicher, deiner Oma ist das später nachgegangen. Es ist erstens schwer, eigene Schuld einzugestehen und dann ist es auch schwer, in der Gefahr, selbst im KZ zu landen, Zivilcourage zu zeigen. Das ist heute auch nicht besser, eher noch schlimmer. Deswegen darf das erst garnicht mehr soweit kommen.
        Den Link kannst du gerne schicken. Danke! Musst aber nicht Stunden danach suchen!
        Liebe Grüße
        Ute

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  2. Der Kloß im Hals wird immer größer. Der Stempel „Unzustellbar“ vom Februar 43 lässt das Ende ahnen.

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  3. Monika schrieb:

    Guten Morgen,

    woher hast du denn all die Briefe? Sie sind wirklich beklemmend. Ich möchte Dich aber auch darauf hinweisen, dass Du vielleicht auch aufpassen musst, wegen Urheberrecht oder anderes.

    Viele Grüße

    Monika

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    • Liebe Monika,
      ich danke dir recht herzlich für den Hinweis mit dem Urheberrecht. Da hast du recht, ich kann dir aber versichern, in diesem Fall geht das in Ordnung.
      Liebe Grüße
      Ute

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  4. Wie es wohl im Herzen, in der Seele des jungen Briefeschreibers ausgesehen haben mag…

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